Mein persönliches Resümee der Alpenüberquerung 2016…

Ein Kaminkehrer heißt Kaminkehrer, weil er Kamine kehrt. Ein Werkzeugmacher heißt Werkzeugmacher weil er Werkzeuge macht und ein Rittführer heißt Rittführer weil er Ritte führt, so zumindest die Annahme. So unterschiedlich diese Berufe auch sein mögen, so haben sie doch eines gemeinsam: Für alle diese Berufe braucht man eine Ausbildung und das ist durchaus sinnvoll!

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Jeder der selbst Kurse hält, weiß wie wichtig es ist, aus den verschiedenen Menschen die sich zusammenfinden, ein Team, eine Gruppe zu formen. Das fördert den Zusammenhalt und somit auch die gegenseitige Achtung und Rücksichtnahme und vor allem gibt es jedem Einzelnen das Gefühl, Teil des Ganzen zu sein. Auf diesem Ritt, wurde leider von den Verantwortlichen nichts dergleichen unternommen. Das Verhalten war geprägt von Ignoranz, Intoleranz, schlechter Laune, noch schlechteren Informationen und fehlender Hilfestellungen.

Ich bin seit vielen Jahren begeisterter Wanderreiter und kann mit miesen Unterkünften, schlechtem Wetter und seltsamen Essen umgehen. Was stimmen muss, ist dieses ganz besondere Gefühl, dass uns Wanderreiter verbindet. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, des gegenseitigen Helfen und des Wissens, dass man den Ritt zusammen schaffen wird. Ein richtiger Wanderreiter braucht keinen unnötigen Luxus und uns ist die gute Unterbringung unserer Pferde wichtiger, als die eigene Unterkunft. Was wirklich zählt, ist gegenseitiger Respekt voreinander und der darf unter keinen Umständen verloren gehen…

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Ich hatte diesen Ritt gebucht, um mir einen Traum zu erfüllen. Die Buchung war sehr kurzfristig und ich war glücklich, dass Georg und ich noch einen Platz bekommen haben. Die Rückmeldungen der Veranstalter haben mir ein gutes Gefühl gegeben und ich war davon überzeugt, eine gute Wahl getroffen zu haben. Bereits kurz nach der Ankunft kamen die ersten Zweifel in mir hoch. Es ist mir durchaus bewusst, dass es gerade für ein kleines Unternehmen schwierig ist, einen kompletten Ritt abzusagen. Wenn ich jedoch selbst, gesundheitsbedingt, nicht reiten kann und ich keinen adäquaten Vertreter finde, wäre dies die einzig faire Entscheidung für alle Beteiligten gewesen.

Nach meinen ersten Blogbeiträgen bekam ich eine Nachricht von den Organisatoren. Thema war der Inhalt meiner Beiträge und die Frage ob es denn sein müsse, dass ich das alles so genau beschreibe. Wer mich kennt und zwischen den Zeilen lesen kann weiß, dass es sich hier um die „nette“ und nicht die ausführliche Variante handelt und JA ich bin der Meinung, dass ich es schreiben muss. Das Argument, ich müsse berücksichtigen, dass es sich um einen „Ausnahmeritt“ gehandelt hätte und es mit der richtigen Führung anders gewesen wäre, kann ich so nicht gelten lassen. Es mag sein, dass der Ritt anders gelaufen wäre, das kann ich jedoch nicht beurteilen. Ich kam ohne Vorankündigung in den zweifelhaften Genuss dieses „Ausnahmerittes“ für den ich jedoch keinen Ausnahmepreis gezahlt habe und nur diesen Ritt kann ich beurteilen…

Was mich an dieser ganzen Geschichte wirklich traurig gemacht hat, war und ist die Tatsache, dass ich nicht das Gefühl habe tatsächlich die Alpen überquert zu haben. Ich glaube diejenigen die dabei waren, können das nachempfinden. Dieser ganze Stress, die Hektik, das ewige Hin und Her. Es ging viel zu viel dabei verloren. Vor allem die Momente in denen man sich eigentlich denkt: „Wahnsinn, jetzt bin ich in Österreich“ oder „…jetzt sind wir am Pass“ all diese Momente, die einen sonst total umhauen, fehlen komplett. Gut, ich habe andere Momente im Gepäck. Zum Beispiel „Hey, ich bin allein auf der Reschenstraße galoppiert und zwar quer!“ oder „Schau mal, da oben habe ich meine Beherrschung verloren!“ das sind tatsächlich Momente, die mich (im Nachhinein) zum Schmunzeln bringen.   😀

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Da ich bekanntermaßen ein gnadenloser Optimist bin, will ich euch die positiven Seiten nicht vorenthalten. Ich habe meine persönlichen Grenzen ausgetestet und gelernt, dass es Menschen gibt, die sogar mich wahnsinnig machen und das es durchaus Dinge gibt, die mich stolz machen:

Stolz bin ich in erster Linie auf Soleo. Er schafft es zuhause vor seinem Schatten zu erschrecken (By the way: Wir haben gestern tatsächlich 40 Minuten gebraucht um an einem Absperrband mitten im Wald vorbeizukommen), aber bei diesem Ritt hat er LKW´S, Fahrradfahrer und ständiges Chaos mit einer Gelassenheit bewältigt, die unglaublich war.

Stolz bin ich auf Georg, weil er sich einmal mehr als der gute Freund bewiesen hat, der er ist.  Nicht nur, dass er mich auf diesem Ritt begleitet hat, wir haben uns gegenseitig davon abgehalten abzubrechen oder Mitreiter tätlich anzugreifen. Egal, ob wir zusammen mit Patricia auf dieser Sch….. Teerstraße galoppiert und piaffiert sind oder uns auf der „Top- Galoppstrecke“ die Steine um die Ohren geflogen sind, wir haben nie unseren Humor verloren.

Stolz bin ich auf Lissy und ihre Freundin, die trotz dem schlechten Verhalten von Anderen stets ihre Haltung bewahrt haben und nie auf das gleiche Niveau gesunken sind. Auf Lissy bin ich vor allem  deshalb stolz, weil sie mehrmals auf diesem Ritt versucht hat, die Wogen zu glätten und vermeintliche Schuld auf sich genommen hat, obwohl es nicht an ihr lag!

Stolz bin ich auf Patricia, weil sie sich vom ersten Moment an, als unheimlich liebenswerter und wertvoller Mensch bewiesen hat. Weil sie mit mir den Ritt durch freilaufende Kuhherden souverän gemeistert hat und mich trotz eigener Kämpfe mit ihrem Pferd auf der Reschenstraße nicht allein gelassen hat und weil sie mit mir über jeden Blödsinn lachen konnte.

Stolz bin ich auf einige andere, deren Namen ich hier nicht nennen soll, weil wir einfach zusammengehalten haben und gemeinsam versucht haben das Beste aus allem zu machen.

Stolz bin ich auch auf unsere selbstlose Hufschmiedin, die sich (obwohl sie nur ein Reitgast war) um sämtliche Beschlagsprobleme aller Reiter gekümmert hat.

Stolz bin ich letztendlich auch auf mich, weil ich weitergemacht habe als ich keine Lust mehr hatte und nie daran gezweifelt habe es zu schaffen. (Gut, manchmal habe ich daran gezweifelt, dass ich es schaffen werde ohne in der Zwischenzeit jemanden in den Abgrund zu schubsen oder im Hochmoor zu versenken. Aber ansonsten: Keine Zweifel!   😉  )

Was lehrt mich also das Leben und dieser Ritt? Egal was passiert, es hat immer seinen Sinn und bringt dir irgendetwas bei. Oder wie heißt es auch immer so schön? Es gibt kein zufälliges Treffen. Jeder Mensch in unserem Leben ist entweder ein Test, eine Strafe oder ein Geschenk.  (manchmal vielleicht sogar ein guter Witz vom lieben Gott…)

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Ich bin mit meinem Bericht über die Alpenüberquerung am Schluss angelangt und danke all denen, die mir immer wieder dazu geschrieben haben und denjenigen die mich unterstützt haben, wenn ich dachte es geht nicht mehr. Ich werde, wie versprochen, auf jedem Fall eine erweiterte Version von diesem Blog veröffentlichen. Lasst mir einfach nur ein bisschen Zeit dazu, ich sage euch Bescheid sobald es soweit ist.

Am Besten abonniert ihr den Blog hier auf der linken Seite, dann verpasst ihr keine Info und seid auch wieder bei den Themen dabei, die nicht so pferdelastig sind.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine schöne Zeit

Alles Liebe und bis bald

Mia

DIE ALPENÜBERQUERUNG – Ab nach Hause…

Als der Wecker um 03:30 läutet, hasse ich ihn. Dann fällt mir ein, warum er läutet und auf einmal ist das Aufstehen ziemlich leicht…

Waschen, Anziehen, Koffer packen. Das alles in Rekordzeit. Irgendwie ist es schon fast lustig wie Georg und ich im Laufschritt,  mit Koffern bepackt, Richtung Auto rennen. Das Ganze hat ein bisschen was von Bonnie und Clyde auf der Flucht. Das Gepäck wird in das Auto geschmissen und Georgs Ansage „Mach den Hänger auf, ich hole die Pferde!“ verstärkt das Gefühl von Flucht. Während ich mich noch über die Situationskomik amüsiere, kommt Georg bereits im Dunkeln mit den Pferden.

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Die beiden Jungs steigen ohne zu zögern ein. Wahrscheinlich befürchten sie, dass sie sonst die Strecke wieder zurücklaufen müssen und wählen deshalb ihr persönliches Taxi. Es hätte mich  nicht gewundert, wenn die beiden in den Hänger galoppiert wären. In Rekordzeit ist alles verpackt, die Pferde verladen, der Hänger geschlossen und Georg startet sein Auto.

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Der Blick auf`s Handy zeigt: Eine Stunde nach dem Aufstehen sind wir unterwegs…

Das Blubbern des großen Dodge durchbricht die nächtliche Stille und ich denke noch kurz an diesen Trip zurück. Meine melancholische Stimmung wird jedoch durch eine sehr wichtige Mitteilung von Georg unterbrochen. „Wir brauchen Kaffee!!!!“ War eigentlich klar, dass wir ohne unsere morgendliche Koffeindröhnung nicht einsatzbereit sind. Gut, dass der Drang nach Hause zu kommen bei uns beiden überwogen hat, denn so wurde wahrscheinlich am Morgen das dringend benötigte Koffein durch Adrenalin ersetzt 😉

Mit einem riesigen Becher Kaffee in der Hand lässt es sich definitiv auch besser nachdenken. Ich freue mich unsagbar auf Zuhause, darauf meine Ruhe zu haben, nicht ständig streiten zu müssen, tun und lassen zu können was ich will, nicht mehr stundenlang auf Fahrradwegen entlangzureiten ABER ich werde einiges und vor allem einige vermissen. Ich werde in erster Linie vermissen, jeden Tag viele Stunden mit meinem Pferd unterwegs sein zu können, Kaffee mit Georg und den Mädels zu trinken, Frühstück das bereitsteht, leckerer Salat zum Mittagessen und definitiv werde ich diesen geregelten Tagesablauf mit den Pferden vermissen.

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Looking back…

Bei unserer Heimreise haben wir Glück und unser Plan geht auf. Ohne jede Verzögerung sind wir gegen Mittag im Stall. Kein einziger Stau hat uns blockiert und wir sind zügig durchgekommen. Als wir auf den Reschentunnel zugefahren sind, wurde uns bewusst in welch irrer Situation wir uns hier befunden haben. Das ist tatsächlich die Straße die wir entlang galoppiert sind. Unglaublich, das Ganze ist schon wieder so weit weg, dass es unwirklich erscheint.

Wenn ihr auf das Bild rechts schaut, sieht man eine Einfahrt. Das ist die Einfahrt, in der Patricia und ich auf Karlheinz gewartet haben und die Strecke die ihr hier seht, war ich dann beschäftigt mein Pferd zu beruhigen und darauf zu hoffen, dass bald irgendjemand auftaucht den ich kenne. Ich grinse durch den Rückspiegel mein Pferd an und meine stolz zu Georg: „Er ist schon toll, oder?“ „Ja, das ist er. Hat einen guten Job gemacht!“ kommt die Antwort und da wird es mir noch einmal bewusst. Mein Pferd mag in manchen Situationen ein Idiot sein, aber wenn es darauf ankommt, macht er Dinge die sensationell sind.

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An dieses Abenteuer werde ich wohl zukünftig immer denken, wenn ich hier entlang fahre…

Im Stall angekommen, ist mein alter Strietzi (Spitzname von Aaron) komplett außer Rand und Band. Soleo ist zurück und somit das Dreamteam wieder vereint. Die Stallkollegen sind mit Sicherheit auch sehr dankbar, weil mein alter Herr es geschafft hat fast 3 Tage durchgehend zu wiehern. Vielleicht mit ein bisschen Kalkül 😉 Schließlich hat er zum Trost viele tolle Dinge bekommen: Karotten, Äpfel, Mash und jede Menge Leckerli. An dieser Stelle auch noch einmal ein großes Dankeschön an meine Stallmädels. ❤

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Meine Jungs ❤

Als Georg gefahren ist und ich meine Sachen verstaue, merke ich wie die Anspannung abfällt und ich einfach nur müde bin. Ich muss grinsen, als meine Stallkollegen überrascht sind, wie sportlich Soleo aussieht. Bei dieser anstrengenden Strecke, muss man den Erfolg sehen. Georg und ich haben ausgerechnet, dass wir von den insgesamt 260 km circa 160 km zu Fuß gegangen sind und ich glaube wir sehen ebenfalls sportlicher aus 😉  Ich erzähle kurz meine Schnellversion und blicke in erschrockene und erstaunte Gesichter. Mir fällt auf, dass ich mich so an das Chaos gewöhnt hatte, dass es für mich schon normal war. Seltsam wie schnell man sich anpasst, wenn die Möglichkeiten beschränkt sind…

Keiner kann begreifen, warum ich nicht abgebrochen habe. Ich denke kurz darüber nach, aber die Antwort ist ganz einfach: Gute Freunde lassen sich nicht im Stich und wenn sie eine Sache beginnen, bringen Sie diese auch gemeinsam zu Ende…

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Mein Resümee aus diesem Ritt? Seid gespannt auf den nächsten und endgültig letzten Teil dieses Berichtes.