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Reiten im Landl – Abschied…

Nach 6 Reittagen war es soweit: Unser Abreisetag war gekommen. Im Gegensatz zu unserer letztjährigen Alpenüberquerung, gab es weder schlechte Stimmung, noch dieses erleichterte Aufatmen, weil es endlich vorbei war. Es gab auch keinen überstürzten Aufbruch mitten in der Nacht nur um endlich wegzukommen. Im Gegenteil! Wir waren traurig, weil unser Ritt schon vorbei war. Dieser Ritt war für mich in jeder Beziehung ein Ausnahmeritt ❤

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Unser Resümee nach diesem Ritt?

„Leit, es seit´s da Wahnsinn!!!“ 

Seit vielen Jahren gehe ich mindestens einmal im Jahr zum Wanderreiten. In dieser Zeit habe ich viele unterschiedliche Ritte gemacht und ich habe auf jedem Ritt viele spannende Dinge und auch so manches Abenteuer erlebt. Dieser Ritt, war jedoch der schönsten Ritt, den ich jemals gemacht habe und ich denke, hier darf ich für uns drei sprechen. Das Besondere an diesem Ritt waren vor allem die Menschen, die uns betreut und uns beherbergt haben. Wir waren nicht nur „irgendeine“ Reitkundschaft, nicht nur „irgendein“ Übernachtungsgast. Ihr habt uns das Gefühl gegeben Teil eurer Familien und Gemeinschaften zu sein. Wir waren in absolut jeder Unterkunft und jeder Mittagsstation aufs herzlichste willkommen. Wir wurden liebevoll umsorgt und verwöhnt und hatten die Gelegenheit Kontakte zu den unterschiedlichsten Menschen zu knüpfen. Einige dieser Kontakte halten immer noch an. Ihr Menschen, eure Herzlichkeit und eure ganz spezielle Art machten diesen Ritt für uns zu etwas ganz besonderem und deshalb von uns an das gesamte Reiten im Landl Team ein herzliches:

„Vergelt`s Gott! Wir werden euch nie vergessen und wir kommen wieder!!“

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Und ein besonderer Dank an meine Mädels, Steffi & Patricia:

Mit euch reite ich überall hin

Nachtrag: Auf dem Heimweg wurden Steffi und ich kurz vor München auf der Autobahn gestoppt. Mitten im Verkehrswahnsinn – Fahrzeugkontrolle! Und seine erste Frage: “Was habt ihr denn für Pferde? Ich habe auch eins…“  Pferdefreunde gibt es überall, selbst dort wo du sie gerade nicht vermutest, am Straßenrand mit Uniform und der Kelle in der Hand…

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Reiten im Landl – Tag 6

Die Nacht war sehr kurz, unser Wecker dafür umso gründlicher und mit Aufwachgarantie. Der Hund des Hauses hatte es sich zur Aufgabe gemacht uns, auch an diesem Morgen, pünktlich aus dem Bett zu bekommen. Seiner Methode war kaum zu widerstehen 😉 Direkt nach seinem Bad im Teich, sprang er in unser Bett. Zumindest war er frisch gewaschen, also ein sehr anständiger Hund. Nach dem feuchten Morgengruß und einem tollen Frühstück durften wir uns heute über das bisher größte Begleitteam freuen. Gleich 3 Reiter begleiteten uns und auch heute war wieder ein Hengst dabei. Der Umgang von Brisch mit ihrem Hengst, war beeindruckend und zeigte ganz deutlich, dass Hengsthaltung nicht zwangsläufig Einzelhaft und Gefahr für andere bedeuten muss. Gut gearbeitete und gehaltene Hengste sind eine tolle Begleitung und eine wahre Bereicherung. Nicht einmal für Soleo war es ein Problem neben ihm zu gehen und das mag bei meinem Prinzen schon etwas heißen. 😉

 

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Die Strecke war ein Traum, ebenso wie das Wetter. Unser anschließender Einritt in Grieskirchen war vermutlich für einige Touristen die Attraktion und mancher Einheimische beobachtete mit einem Schmunzeln, die irritierten Autofahrer, als wir uns bei der Überquerung der Hauptverkehrsstraße, brav an der Ampel hinter ihnen einordneten. Eine bunt gemischte Gruppe, verschiedenster Pferde, stand geduldig inmitten der restlichen Verkehrsteilnehmer und wartete bis sie an der Reihe war.

 

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Bevor wir uns von unseren Begleitern verabschiedeten, gönnten wir uns noch einen gemeinsamen Zwischenstopp bei der Eisdiele am Marktplatz. Nach einem leckeren Eis  und einer herzlichen Umarmung trennten sich unsere Wege.

 

In diesem Moment wurde uns bewusst, dass wir jetzt tatsächlich zur letzten Etappe unseres Rittes aufbrachen: Der Rückweg zur Key Mountain Ranch…

Dort angekommen hatten wir den gleichen genialen Ausblick wie am ersten Tag und wir waren ein bisschen wehmütig. Ein letztes Mal die Pferde absatteln und in die Boxen bringen. Ein letztes Mal die Pads zum trocknen aufhängen, irgendwie alles ein letztes Mal… Die wehmütige Stimmung wurde sofort von Heike und Mandi vertrieben, denn die beiden hatten schon vorgesorgt. Es standen Liegen in der Sonne und Heike hatte die leckersten Bananenschnitten aller Zeit für uns gebacken. So ließ es sich aushalten und so konnten wir auch den Abschluss unseres Trips genießen.

 

Beim Abschiedsgrillen durften wir noch einmal Mandis Spezialitäten vom Grill genießen. Herrlich zartes Pulled-Pork, Mais, Kartoffeln, Salate und alles was man sich wünschen kann. Dieser Abend war der absolut gelungene Abschluss einer tollen Reitwoche…

Reiten im Landl – Tag 4

Die wichtigste Neuigkeit an diesem Morgen war eindeutig die, dass es aufgehört hatte zu regnen. Die zweite wichtige Nachricht: Das Frühstück ist fertig. Wir genossen es mittlerweile sehr, jeden Tag verwöhnt zu werden, und machten uns dann, frisch gestärkt  und ausgeruht, auf den Weg zur „Pferde-Autobahn“. Mit dieser Beschreibung hatten uns zumindest Claudia und Peter den ersten Teil unserer Strecke erklärt. Als wir an dem Weg angekommen waren, war uns klar, warum dieser Weg die Autobahn genannt wird. Der Weg war breit, übersichtlich und mit angenehm weichen Boden. Das bedeutete für uns, dass wir endlich mal wieder Gas geben konnten. Ok, eigentlich durften nur Despo und Soleo richtig Gas geben, für Paul war es immer noch langsamer Trab.

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An diesem Tag ritten wir direkt an einer sagenumwobenen Stelle vorbei und mussten natürlich einen Abstecher machen. So standen wir mitten im Wald und vor uns der Jungfrauenstein. Um diesen großen Opferstein ranken sich viele mystische Geschichten. Eine davon handelt von der Entstehung des „Wackelsteines“. Drei Riesenjungfrauen sollen den Jungfrauenstein in ihrer Schürze, getragen und ihn an dieser Stelle fallen lassen haben. Spannend daran, dass man ihn an der richtigen Stelle tatsächlich ganz leicht bewegen kann, er aber doch fest aufliegt. Dadurch erschien der Stein der Bevölkerung damals schon als heilig und es wurde jedes Unterfangen, den Stein von seiner Unterlage herunterzustoßen, schwer bestraft. Wir wollten unser Glück nicht herausfordern und wollten auch nichts stoßen, nur ein bisschen wackeln und einige Bilder machen. Bilder von uns, vom Stein und von den Pferden.

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Unserer Meinung nach, passten wir hervorragend auf und an diesen Stein. Die Jungfrauen schienen jedoch anderer Meinung zu sein, denn wie aus dem Nichts ging ein kurzer aber heftiger Graupelschauer auf uns nieder. Um es uns nicht komplett mit den Jungfern zu verscherzen, setzten wir vorsichtshalber zum Rückzug an und ritten weiter. Wer weiß, was den alten Jungfern sonst noch so eingefallen wäre…

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Unsere Fähigkeit Karten zu lesen, verbesserte sich spürbar von Tag zu Tag und so kamen wir an diesem Tag überpünktlich bei unserer Nachtstation „Zum Großn“ an. Hier wurden wir von Heike und dem Wirtspaar Nicki und Walter begrüßt. Unsere Pferde hatten heute schöne, große Boxen und widmeten sich entspannt ihrem Heu, während wir unser Zimmer bezogen. Das 8 Bett-Zimmer erinnerte ein bisschen an eine Jugendherberge, war aber gemütlich und sauber.

Nachdem wir geduscht hatten, ließen wir uns im Restaurant bekochen und gingen die Strecke für den nächsten Tag durch. Nicki erklärte uns die ersten relevanten Abzweigungen und so fühlten wir uns bestens gerüstet und konnten den Abend ruhig ausklingen lassen. Auch hier kamen wir wieder ins Gespräch mit interessanten Pferdemenschen und irgendwie gehen dabei die Themen nie aus…

 

 

Wanderritt 2017 – Die Vorbereitungen…

Wanderreiten – Das Erlebnis mehrere Tage mit dem Pferd unterwegs zu sein und sich komplett dem Tempo des Pferdes und der Natur anzupassen, ist ein ganz besonderes Erlebnis und fast wie eine Sucht. Aus diesem Grund zieht es uns mindestens einmal im Jahr weg vom heimatlichen Stall und hin zu einem neuen Reitgebiet. In diesem Jahr wollten wir zu dritt, oder besser gesagt zu sechst reiten.  Wir das sind Steffi aus dem Raum Augsburg mit ihrem Tinker Desperado, Patricia aus dem Zillertal mit ihrem Traber Paul und ich, Mia, aus dem Raum Bad Tölz mit meinem Andalusier-Berber Mix Soleo.

Während Patricia und ich bereits  seit vielen Jahren aktive Wanderreiter sind, war es für Steffi der 2.te Wanderritt und deshalb stand für uns im Fokus, einen Anbieter zu finden, der nicht nur mit einer schönen Landschaft punkten kann, sondern ebenfalls mit einer guten Organisation. Jeder der öfter Organisierte Ritte macht, kommt leider auch irgendwann einmal an die schwarzen Schafe der Branche und so war es auch uns im letzten Jahr ergangen. Unser Resümee aus diesem absoluten Katastrophenritt? Wir wollten gebuchte Übernachtungen und somit ein Mindestmaß an Sicherheit, aber trotzdem wollten wir allein reiten. Entsprechend hoch war somit unsere Erwartung an den Veranstalter.

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Wir erstellten eine Liste mit all den Punkten, die uns wichtig waren. An erster Stelle in unserer Liste, wie bereits erwähnt: Wir wollen allein reiten! Ohne Rittführer, ohne fremde Gruppe aber mit erprobtem Kartenmaterial, dass uns den Weg zeigt. Als nächsten Punkt wollten wir fest gebuchte Unterkünfte für uns und unsere Vierbeiner, Verpflegung für die Pferde und wenn möglich Frühstück, wobei wir Reiter ja bescheiden sind. Hauptsache die Pferde sind versorgt, schließlich müssen die uns auch tragen. Bei den „Nice to have“ Punkten stand der Gepäcktransport ganz oben, gleich neben einem Ansprechpartner für eventuelle Notfälle. Auf den Punkt gebracht, wollten wir also einen organisiert, unorganisierten Ritt mit Raum für persönliche Freiheit und eigenen Abenteuer.

Die Suche nach diesem Wunderritt gestaltete sich, wie bereits befürchtet, ziemlich schwierig. Bei einigen Anbietern gefiel uns zwar das Angebot, jedoch war der Preis in Höhe eines 14-tägigen All inclusive Karibikurlaubs. Bei aller Liebe zum Pferd, aber irgendwie sollte doch alles noch in einer gewissen Relation stehen. Die Suche ging weiter und nach unzähligen Vorschlägen und Internetsuchen kam uns der Zufall, in Form einer anderen Freundin, zu Hilfe.

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Reiten im Sauwald, genauer gesagt im Landl. Sauwald? Landl? Was sollte denn das sein? Zugegeben meine Erdkundekenntnisse waren noch nie so gut und so brachte erst die Google Suche Klarheit. Was wir sahen, gefiel uns ausnehmend gut. Fast 300 km markierte Reitwege. Es gab sogar einen Verein, der dafür sorgt, dass die Wege in Stand gehalten und ausreichend beschildert wurden. Wir mussten nicht lang überlegen und schrieben die erste Anfrage. Die Antwort ließ nicht lang auf sich warten und es stellten sich uns Heike und Mandi Hofer, kurz, nett und unkompliziert vor. Wir mussten nur den Zeitraum angeben und sie versprachen uns, sich bald mit einem Routenvorschlag zu melden. Obwohl wir den Termin sogar kurzfristig verschieben mussten, gab es keine Schwierigkeiten und wir erhielten nach kurzer Zeit eine Rückmeldung mit unseren geplanten Stationen und der Strecke. Die Übernachtungen waren bunt gemischt. Vom Tipi über das Gästehaus, bis hin zum gemütlichen Mehrbettzimmer war alles dabei. Wir mussten nicht lange überlegen, buchten unsere Reise und waren gespannt, was uns erwartete.

 

 

DIE ALPENÜBERQUERUNG – DER 9.TE und letzte REITTAG – Finale, ohhohh…

Der Morgen beginnt mit einer aufregenden Neuigkeit und dem Bild das ihr oben sehen könnt. Als Georg mit den Mädels zum Füttern geht, teilt ihnen ein grinsender Erich mit, dass die Pferde ausgebrochen sind. Die Reiter eilen nervös durch die Apfelplantage und sehen erst einmal nichts…

Als sie etwas sehen, sind sie sprachlos. Alle Pferde stehen friedlich zusammen in einer Ecke und der Reitplatz sieht aus als ob ein Tornado durchgefegt wäre. Anscheinend ist genau das passiert was ich befürchtet hatte: Es war Domino-Day! Überall liegen abgebrochene Zaunstäbe, Elektrolitzen, zertrampelte Elektrogeräte, absolutes Chaos. Es gleicht einem Wunder, dass sich kein Pferd daran verletzt hat, sondern alle entspannt auf die Fütterung warten.

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Man beachte: Soleo hilft beim Aufräumen 😉

Die erste Überprüfung zeigt, dass keine größeren Blessuren zu finden sind und sie zeigt zusätzlich, dass in dieser nächtlichen Aktion jedes Pferd seinen Platz in der Gruppe gefunden hat. Wenn wir als Menschen das geplant hätten, wäre es mit Sicherheit schief gegangen. Die Pferde haben es unter sich geregelt. Meine geheime These ist jedoch eine ganz andere: Die Pferde wussten, dass wir bald nach Hause fahren und sie wussten ebenso, dass es nicht mehr viele Möglichkeiten geben würde, so richtig einen drauf zu machen. So haben sie die Gunst der Stunde genutzt, alle Zäune eingerissen und Party gemacht. Apollo hat sogar etwas gelernt in dieser Nacht. Er hat gelernt, dass sich nicht jede Stute von ihm decken lassen will. Von dieser Lektion erzählen zumindest die Abdrücke auf seiner Brust.  🙂  Soleo hingegen wirkt tiefenentspannt, hat einige wenige Bisswunden und scharrt stolz drei Damen um sich.

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Soleo und seine Girls…

Die Reiter entscheiden sich für das einzig Richtige: das Chaos beseitigen, ein bisschen Heu und Wasser verteilen und dann erstmal frühstücken gehen. Mehr als Schadensbegrenzung bringt sowieso nichts und es würde keinen Sinn ergeben die Gruppe jetzt zu trennen.

Wir frühstücken gemütlich und packen unsere Sachen. Als wir bei den Pferden ankommen steht Soleo immer noch bei seinen drei Damen und ich muss ihm erst einmal klar machen, dass mich seine überschäumenden Hormone kein bisschen interessieren. Die Debatte ist überschaubar, denn auch wenn mein Pferd in der letzten Nacht die Tatsache, dass er kein Hengst mehr ist komplett ignoriert hat, ist er jetzt einfach müde. Das verkürzt die  Diskussion, ob er beim Satteln stehen bleiben oder lieber zu den Mädels gehen soll,  erheblich.

Eine andere Mitreiterin ist total überrascht, weil ihre eigentlich stets vollblütige Stute entspannt wie nie ist. Woran das wohl liegen mag? 😉 Das Geschehen hat alle aufgeheitert. Vielleicht liegt es daran, dass keinem etwas passiert ist und das wir wissen, dass der letzte Reittag angebrochen ist. Beim Losreiten machen sich die Nachwehen der letzten Nacht bemerkbar. Soleo tänzelt wie ein spanischer Deckhengst durch die Gegend und die Stute einer anderen Reiterin hat ebenfalls einen Höhenflug und benimmt sich ähnlich wie mein stolzer Spanier. Die Nacht in Freiheit hat alle ein wenig übermütig gemacht 😉

Trotz der „Verräter“ Rufe meines Freundes Georg, darf Soleo auch heute vorne gehen. Nachdem er sich so tapfer durch den Tritt und die Lahmheit gekämpft hat, werde ich ihn am letzten Tag nicht ständig bremsen und nichts herausfordern. Er hat es sich verdient die letzten Kilometer so entspannt wie möglich zu gehen. Irgendwie habe ich darüber hinaus das Gefühl, dass es für die ganze Gruppe gut ist wenn ich hier reite. Schließlich kann ich so pausenlos unsere Rittführerin nerven, damit sie das Tempo an die Schwächsten anpasst und nicht ihr eigenes Ding macht und es kann auch nicht gelästert werden, weil ich das zwangsläufig hören würde. Ich vermute, dass irgendjemand (am besten die Veranstalter) sich mal die Mühe hätte machen und Klara diese Rittführer-Geschichte ausführlich erklären hätten sollen. Das hätte eventuell zu der Erkenntnis führen können, dass bei Licht besehen auch ein Leithammel nur ein Schaf ist und wir besser funktionieren, wenn wir zusammen halten.

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Im Gegensatz zu den Menschen, haben die Pferde nichts gegen die Veränderung in der Routine und so geht Soleo ganz entspannt voran. Es macht Spaß die anderen ein bisschen näher kennenzulernen, denn bisher war die Gruppe in 2 Bereiche gespalten.  Im Laufe des Tages lässt sogar unsere Rittführung vereinzelt menschliche Züge durchblitzen und wahrscheinlich bräuchte es nur noch weitere 10 Tage damit sie auftauen würde. Lediglich Karlheinz und ich finden so gar keinen Draht zueinander. Dabei ist es ihm scheinbar nicht wichtig wo ich gerade reite. Er ist extrem genervt von meiner Anwesenheit und muss das in regelmäßigen Abständen loswerden. Ständig brummt er vor sich hin wie gefährlich mein Pferd wäre und welches Risiko er hier eingeht. Sein Gemurmel klingt irgendwie wie betende alte Frauen beim Rosenkranz. Ich verzichte darauf ihm zu erklären, dass mein Pferd zuhause als Bremser für alle nervösen Pferde fungiert und selbst dann noch gelassen bleibt wenn jemand richtig dicht aufreitet. Alles was ich sagen würde ist hier vergebliche Mühe…

Ich konzentriere mich stattdessen auf die wichtigen Dinge eines Wanderrittes: die Truppenbetreuung. Nachdem wir den ganzen Ritt im Minutentakt die Meldung „Fahrrad“ gehört oder weitergegeben haben, löst mittlerweile allein das Wort bei den meisten von uns spontanen Brechreiz aus. Die Schmiedin und ich beschließen das zu ändern und heute nur noch wirklich interessante Meldungen nach hinten weiterzugeben. „Sexy Jogger von vorne“ kommt (zumindest bei den Mädels) gut an.  Ob das auch für den Jogger gilt und ob der sich blöd vorgekommen ist? Neiiiiiiin – Niemals 😉 Mit ein bisschen Glück hat er uns auch gar nicht verstanden…

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Nachdem unsere Hufschmiedin jeden Tag mindestens einmal zum Einsatz gekommen ist und vom verbogenem Eisen bis zu abgebrochenen Stiften alles repariert hat, erwischt es sie heute selbst. Am letzten Reittag muss sie tatsächlich noch ihr eigenes Pferd beschlagen. Wie so oft in den letzten Tagen befinden wir uns in einer Engstelle, es geht bergauf und trotzdem macht sie ihren Job souverän und lässig. Ich bin wirklich sehr froh, dass wir sie dabei haben. Hut ab ebenfalls vor ihrer Hilfsbereitschaft. Nach dieser kurzen Pause geht es weiter und wir befinden uns schon wieder in den Apfelplantagen. Vermutlich bin ich zu diesem Zeitpunkt die Einzige, die diese scheinbar endlosen Reihen von Äpfeln immer noch toll findet. Der Weg führt über kleine Brücken und schmale Wege. Das Wetter ist traumhaft und die Äpfel immer in Soleos Nasenhöhe 😉 Ja, ich weiß – Das grenzt ja schon fast an seelischer Grausamkeit, doch da muss er jetzt durch.

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Heute ist zur Pause etwas Besonderes geplant. Wir reiten durch einen schmalen Steig bis zu einem Biergarten. Der Aufstieg ist nicht ungefährlich weil es auf der linken Seite steil bergab geht, aber wir haben die Alpen geschafft. Was soll hier schon passieren? Karlheinz hält allen das Tor auf, während die Rittführerin sein Pferd mit nach oben nimmt. Er wäre nicht er selbst, wenn er es nicht schaffen würde, sogar hier alle durcheinander zu bringen. Während es links steil den Abhang runter geht, pirschte er sich rechts durchs Gebüsch ohne sich bemerkbar zu machen und verursacht damit erschrockene Pferde und ebenso erschrockene Pferdebesitzer die sich bemühen ihre Pferde vor dem Absturz zu bewahren. Eine Mitreiterin fragt ihn warum er sich nicht einfach bemerkbar macht, damit Pferd und Reiter ruhig bleiben. „Du hast mir gar nichts zu sagen“ schnauzt er sie an, um dann seinen Fehler zu bemerken. Er hatte sie mit mir verwechselt…  So wäre zumindest geklärt, dass er mich nicht so wirklich mag, oder?  😉

Soleo beweist einmal mehr, wie heldenhaft er ist und vor allem das er selbst mitdenkt. Dies lässt meinen (sowieso sehr großen) Stolz auf ihn noch einmal wachsen (wenn das überhaupt möglich ist). Das Pferd eines Mitreiters hat rechts Gras entdeckt und dabei doch glatt übersehen, dass links der Abhang ist. Auf einmal wird es hektisch, denn plötzlich ist das Pferd mit den Hinterhufen gerutscht und findet keinen Halt mehr. Bevor wir reagieren können, greift Soleo ohne mein Kommando ein. Er senkt den Kopf und schubst den Kumpel nach vorne auf den Weg. Der Reiter des anderen Pferdes und ich sind ein bisserl sprachlos und begeistert. Falls ich es noch nicht erwähnt habe: Ich habe das beste Pferd von allen Pferden!

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Superhorse… 😉

Die ganze Aktion ist, wie so vieles auf diesem Ritt, komplett an Klara vorbeigegangen. Den Blick starr nach vorne gerichtet geht sie unbeirrt ihren Weg und wird oben bereits von den Veranstaltern empfangen. Die Pferde werden an den Bäumen festgebunden und auch wenn das für einige ungewohnt ist klappt es überraschend gut. Karlheinz hat sich auch einen Platz ausgesucht. Leider einen Platz, der zu nah an den Stuten liegt und erhält prompt einen Rüffel der Organisatorin. Prinzipiell wäre das verständlich, aber wie so oft macht auch hier der Ton die Musik.

Gerade ich bin jetzt nicht diejenige die gut mit diesem Mann kann und es ist natürlich richtig, dass die Situation gefährlich ist, aber wir sind alle erwachsen und ein bisschen Respekt voreinander ist mir persönlich wichtig. (Abgesehen davon, dass es nicht das erste Mal ist, dass er andere in Gefahr bringt und sich bisher außer uns keiner darüber aufgeregt hat. Blöder Zeitpunkt jetzt damit anzufangen…)

Obwohl jegliche Kritik bisher spurlos an Karlheinz vorübergegangen ist, zieht er dieses Mal seine Konsequenz und bleibt bei seinem Pferd stehen. Alle sitzen um einen großen Tisch, essen und lachen miteinander und er steht abseits. Nach einiger Zeit setzt er sich an einen anderen Tisch, trinkt dort seinen Kaffee und schweigt. Es sollte jemand zu ihm gehen und in der Regel würde ich das übernehmen, bezweifele aber sehr stark, dass er mit mir sprechen will. Gottseidank wird mir die Entscheidung abgenommen, denn eine Mitreiterin empfindet ähnlich und übernimmt das. Die Geschichte die sie uns dann erzählt, macht nicht nur einiges klarer, sondern mich sprachlos und wütend. Karlheinz war tatsächlich noch nie vorher auf einem Wanderritt. Er war davon ausgegangen, dass ihm alles gesagt wird was er wissen muss, also auch wie man sich in bestimmten Situationen verhält. Jetzt wäre er an seiner persönlichen Grenze angekommen und bräuchte deshalb seine Ruhe.

Selbst wenn er der erste Mensch in meinem Leben war, dem ich weh tun wollte, verstehe ich jetzt manche Dinge besser. Das teilweise rücksichtslose und gefährliche Verhalten der ganzen Tage ist vielleicht zu einem gewissen Teil charakterbedingt, hat aber meines Erachtens auch viel mit Unsicherheit und dem Überspielen derselben zu tun. Es wäre der Job des Veranstalters gewesen, solche Dinge abzufragen und dann gegebenenfalls, für den ersten Ritt, etwas Leichteres zu empfehlen. Wenn man denjenigen trotzdem mitnimmt, ist es noch wichtiger die grundlegenden Regeln zu erklären und nicht darauf zu hoffen das es irgendwie laufen wird. Diese Information an alle Mitreiter hätte wahrscheinlich sogar den ein oder anderen Ärger verhindern können. Verantwortung und Empathie gehen definitiv anders…

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Empathie geht anders…

Als wir wieder am Pferd sitzen bin ich nachdenklich. Hätte ich in manchen Situationen anders reagiert, wenn ich es gewusst hätte? Trotz allem Mitgefühl, das gerade in mir aufzieht, hat er sich selbst überschätzt. Ich höre auf diesen Gedanken nachzuhängen, denn ich war hier weder als Trainer noch als psychologischer Betreuer, sondern nur als Privatperson im Urlaub und somit war es nicht mein Job. Das gefällt mir zwar immer noch nicht, aber ich lasse es einfach so stehen.

Irgendwie ist heute die Luft raus und ich könnte nicht sagen an was das liegt. Keine Ahnung warum, aber irgendwie waren wir alle der Meinung, dass die Strecke heute kurz ist. Die Erkenntnis das dies nicht so ist, kommt nach endlosen Wegen auf denen wir uns abwechselnd durch Obstplantagen schlängeln oder auf dem allseits beliebten Radweg dahintrotten. Wir lassen uns von Radfahrern beschimpfen und weichen genervten Obstbauern aus, die mit voll bepackten Traktoren an uns Vorbeidonnern. Die unangenehme Strecke und die aufkommende Demotivation schlagen sich sofort auf das Verhalten der Pferde um. Ganz hinten kämpft eine Reiterin mit ihrer Stute, der es gerade zuviel wird und die deshalb nervös reagiert. Unsere Rittführerin kommentiert die Situation und meine Aufforderung zu warten lediglich mit genervten Augenverdrehen. Die Gruppe zieht sich immer weiter auseinander und erinnert gerade an die Karawane der Verdammten, die in der Wüste versuchen zum Wasser zu kommen. Vermutlich verdanken wir es nur der Tatsache, dass jeder auf ein baldiges Ende hofft, dass die Situation nicht eskaliert. Zum wiederholten Male wüsste ich gern was in Klara vor sich geht. Es müsste ihr doch klar sein, dass es nichts hilft vorauszueilen. Wir müssen zusammen zum Ziel kommen. Vermutlich ist ihr das  mittlerweile total egal: Sie soll uns die Strecke zeigen und in ihren Augen tut sie das.

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Geht ohne mich, lasst mich zurück… 😉

Bei der letzten Pause auf diesem Ritt ist eines deutlich zu merken: Die Nerven von allen liegen blank. Die Lager spalten sich immer mehr und auf einmal hänge ich zwischen den Fronten. Verhaltensweisen die man zuletzt in der Kinderzeit erlebt hat, kommen jetzt zum Vorschein. Weil ich jetzt „vorne“ reite, bin ich eine von „denen“. „Eine von denen“ bedeutet auch, dass ich zu den Bösen gehöre die immer nur Tempo machen und nicht auf die anderen schauen. Unglaublich wie sich hier eine Gruppendynamik entwickelt. Auch wenn es mir sehr schwer fällt, ich äußere mich nicht mehr und halte mich aus allem raus. Es fühlt sich ein bisschen so wie früher in der Schule an, wenn man sich mit den Strebern abgegeben hatte. Extreme Situationen bringen extreme Seiten an Menschen zum Vorschein, positive wie negative. Mir wird bewusst, dass wir alle nur noch „fertig werden wollen“ und das macht mich traurig…

Was ist aus meinem Traum geworden? Was aus dem Hochgefühl aller vorangegangenen Ritte? Ich nehme mir vor, mich nur noch auf mein Pferd und mich zu konzentrieren und versuche alles andere auszublenden. Es ist mein Ritt, mit meinem Pferd und ich will diese Sache so gut es irgendwie geht abschließen. In meinem Kopf ist aber nicht nur dieser Vorsatz, sondern noch ein ganz wichtiger: Nie wieder reite ich mit Veranstaltern die ich nicht kenne und mit denen ich vorher nicht geritten bin…

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Gut, nachdem das für mich geklärt ist, konzentriere ich mich auf andere Dinge. Das Panorama ist immer noch traumhaft und irgendwo an einer Wegkreuzung warten die Veranstalter auf uns.  „Ihr reitet jetzt durch ein Labyrinth und wenn ihr immer richtig abbiegt seid ihr bald da.“ lautet die Ansage. Für mich hört sich das nach Endspurt an! Für alle anderen auch und mit dieser Vorfreude traben wir los. In diesem Moment ist es sehr schön hier zu sein. Wir biegen zwischen den Baumreihen ab und die ganze Zeit über haben die meisten ein Grinsen im Gesicht. Bald ist es geschafft und dieser Abschluss durch die Plantage ist wirklich schön gewählt. Nachdem wir 5 Minuten durch die Plantagen geirrt sind und gerade anfangen an dem Weg zu zweifeln, landen wir am unvermeidlichen Fahrradweg.

Nichts ist geschafft. Zu früh gefreut! Es geht weiter, weiter an der Straße entlang, vorbei an überfahrenen Tieren und ständig überholt von genervten Autofahrern. Die Strecke scheint kein Ende zu nehmen und genau in diesem Moment bemerke ich, dass meine persönliche Grenze erreicht ist. Am liebsten würde ich absteigen, mich ins Gras setzen und mich erst wieder bewegen wenn Georg mit dem Hänger kommt. Ich habe keine Lust mehr, will einfach nur ankommen…

Nachdem ich schon befürchtet hatte, dass wir nie mehr ankommen, ist es soweit – Endspurt. Wir lassen uns jedoch nicht die Möglichkeit nehmen im Finale noch ein letztes Mal zu beweisen, dass wir als Gruppe im Verkehr wirklich ganz schlecht sind und sich das auch in 9 Tagen nicht verändert hat. Ich drehe mich um und sehe an Georgs Gesicht, dass er ebenso genervt ist wie ich. Deshalb ist es mir in diesem Moment total egal, wessen Job es eigentlich wäre. Ich stoppe von vorne die Autos um über die Brücke zu kommen, gehe los und weiß ohne mich umzudrehen, dass Georg von hinten alles klar machen wird. Er schiebt den Rest von hinten mit einem lautstarken „Vorwärts, vorwärts“ durch und ich bin beruhigt ihn zu hören. „Es ist jetzt aber schon rot!“ höre ich eine Stimme, doch die wird von einem erneuten und energischem  „Vorwärts“ unterbrochen. Ich muss grinsen und schüttele den Kopf. Man trennt keine Gruppe im Verkehr. Ist das immer noch nicht klar?

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Es geht weiter ein kurzes Stück durch das Dorf und dann haben wir es tatsächlich geschafft. Wir reiten in einen Hof und auf einmal ist alles vorbei. Unser Gastgeber begrüßt uns mit Schnaps und Sekt und ich bin unsagbar froh ihn zu sehen, denn das bedeutet, dass wir angekommen sind und es morgen nach Hause geht. Abgesehen von diesen Freuden, bin ich enttäuscht. Ich habe nicht dieses Siegergefühl, das man nach so einem Ritt haben sollte und ich habe nicht das  Gefühl etwas Besonderes geschafft zu haben. Der einzige der hier wirklich viel geschafft hat ist mein Pferd. Der hat 260 km geschafft und eine super Leistung abgeliefert. Er hat mich zuverlässig und souverän zum Ziel gebracht. Dafür darf er sogar an meinem Prosecco nippen 😉

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Prosecco ist jetzt nicht so sein Ding 😉

Das abschließende Gruppenbild entwickelt sich noch einmal zum Chaos. Zumindest steht Soleo gelassen direkt neben dem schallendem Jagdhorn und zuckt nicht mal mit der Wimper, das ist doch ein Erfolg. Nachdem die Pferde untergebracht sind, ist die Stimmung gelöst, wenngleich es immer noch 2 Gruppen gibt. Die eine besteht aus Klara und 2 Reitern, die andere aus dem Rest. Es ist jetzt vorbei und wichtig ist nur, dass wir es geschafft haben. In diese angenehme, entspannte Stimmung kommt jedoch umgehend wieder Hektik. Klara will ihren Anhänger leer haben. Jetzt! Auf der Stelle! Sie fährt zwar erst morgen und es würde reichen das später zu machen, aber ich habe aufgehört gegen Dinge anzukämpfen die mir nicht wirklich wichtig sind. In dem Anhänger ist vom Futter angefangen über Regendecken bis hin zum Zubehör für den täglichen Paddockbau alles was wir in diesen 9 Tagen gebraucht haben. Da Klara nicht mehr warten will, fängt sie an unkontrolliert und wild durcheinander alles aus dem Hänger zu tragen und in einem malerischen Durcheinander vor dem Anhänger auf einer Wiese zu verteilen. Jeder von uns versucht in dem Chaos seine Sachen zu finden und als wir damit fertig sind, nehmen wir unser Gepäck und beziehen zum letzten Mal auf dieser Reise unser gemeinsames Zimmer. Eine heiße Dusche später sind wir bereit für das Abschiedsessen.

Der erste Blick auf die Menükarte lässt mich spontan lachen. Es gibt tatsächlich Zürcher Geschnetzeltes. In den Gesichtern aller sehe ich, dass sie noch die Geschichte von Erich, unserem gestrigen Gastgeber, im Kopf haben. Die meisten stochern tatsächlich eher lustlos im Essen. Haben sie Angst, dass es doch altes Pferd ist? Die Magie der Worte sage ich da nur… 🙂

Das Essen verläuft ruhig und doch warte ich gespannt auf den Moment, der nach solchen Ritten eigentlich immer kommt. Die Feedbackrunde und die damit verbundene Frage wie es jedem gefallen hat. Die Frage kommt nicht, stattdessen öfters unangenehmes Schweigen. Die Organisatorin verteilt kleine Pokale an uns und ich persönlich freue mich sehr darüber. Wahrscheinlich sollten wir noch zusätzlich das Bundesverdienstkreuz bekommen, weil wir uns nicht gegenseitig in den Abgrund geschubst haben, aber ein Pokal ist auch schon was. 😀

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Die Stimmung bleibt angespannt und ich habe das Gefühl, dass jeder auf den Zeitpunkt wartet, an dem er/sie sich verabschieden kann. In diesem Moment steht eine von unseren Küken auf und ergreift das Wort. Sie beeindruckt mich wirklich immer wieder. Obwohl sie und ihre Freundin, Klaras bevorzugtes Motz- und Lästeropfer waren und sie sich immer wieder vor den Kopf stoßen lassen mussten, findet sie genau die richtigen Worte. Sie bedankt sich bei der Rittführung und schafft es für einen Moment, dass die Atmosphäre angenehmer wird. Das ist wahre Größe, wahrscheinlich sollte das Bundesverdienstkreuz dann doch an sie gehen. 😉

Georg und ich beschließen spontan am nächsten Morgen bereits gegen 4:00 Uhr aufzubrechen und verbinden damit die Hoffnung der letzten Rückreisewelle und den damit verbundenen Staus zu entgehen. Wir verabschieden uns von allen und ich nehme sogar Karlheinz zum Abschied in den Arm. Manchmal muss man über solchen Dingen stehen, um für sich selbst einen sauberen Abschluss zu finden. Der Abschied ist kurz aber herzlich und macht mir bewusst, dass es zwar viel Ärger und Unmut gab, ich jedoch wirklich tolle Menschen kennengelernt habe…

 

DIE ALPENÜBERQUERUNG – DER 8.TE REITTAG – Stellungswechsel…

Es gibt Tage an denen ich mir echt vorkomme als ob das alles hier eine Pilgerreise wäre und so passt das, uns ständig begleitende, Jakobsweg-Schild perfekt. Nach einem leckeren Frühstück beginnt die tägliche Morgenroutine. Pferde satteln, Paddocks abbauen und pünktlich zum morgendlichen Abschiedshorn bereit stehen…

Der Tag startet heute mit einem Schnaps aus dem Depot unserer 2 Küken. Seit dem Start verspreche ich einen mit ihnen zu trinken und heute war es dann soweit. Mit einem Feigling am Morgen kann ja nichts mehr schief gehen 😉

Die obligatorische Lagebesprechung war schon gestern Abend, weil wir heute früh  starten müssen und keine Zeit dafür haben. Grund dafür ist, dass wir heute die „langen 28“ km vor uns haben und pünktlich loslegen müssen. Gleich nach dem Start merke ich, dass dieses ständige Bremsen die Lahmheit meines Pferdes verschlechtert hat. Es kommt mir daher sehr entgegen, dass wir erst einmal führen können. Nach einem kurzen Stück haben wir unerwartet die erste, etwas unfreiwillige, Pause. Unsere Schmiedin hat den nächsten Einsatz, nachdem sich das Pferd eines Reiters an einem Viehgitter ein Eisen abgezogen hat. Diese Dinger sind zwar eine einfache Lösung für Kühe, aber ein Graus für beschlagene Pferde. Die Stelle an der es passiert, ist wie meistens in diesen Situationen, eng und unübersichtlich, aber Katrin ist taff und beschlägt in jeder Situation. Manchmal frage ich mich, wie das Ganze ohne sie geklappt hätte? Wenn wir bei jedem Hufproblem das wir bisher hatten, auf einen ansässigen Schmied hätten warten müssen, hätte sich unser Ritt mit Sicherheit extrem verzögert. Wir haben Glück und so bringt unsere Schmiedin alles in Rekordzeit wieder in Ordnung und wir können weiterreiten.

Es folgt eine länger Trabstrecke, die sowohl die Pferde als auch die Menschen sehr genießen. Wir haben heute  morgen die strikte Anweisung bekommen nicht abzusteigen, damit wir das Tagespensum schaffen und ich halte mich ziemlich lang daran. Als mein Pferd jedoch immer stärker lahmt, interessieren mich die Anweisungen nicht mehr. In diesem Moment ist gesunder Menschenverstand gefragt. Ich steige ab und führe, gebe gleichzeitig Klara Bescheid, dass sie die Organisatorin verständigen soll. Am Picknickplatz wird für uns heute der Ritt zu Ende sein. Eigentlich total schade, denn es sind nur noch diese beiden Tage, aber in diesem Fall ist mir Soleo wichtiger. Dieser Ritt ist nicht alles und er ist es auf keinem Fall wert, dass mein Bub Schaden nimmt.

Während ich mit meinem schlechten Gewissen Georg gegenüber kämpfe, kommen wir zu den ersten Apfelplantagen. Absolut beeindruckend und da ich so etwas noch nie gesehen habe, bin ich total fasziniert. Die Bewässerungsanlage sorgt auch bei uns für Abkühlung und die Pferde sind anfänglich ein bisschen aufgeregt.Nachdem sie aber festgestellt haben, dass nichts passiert gehen sie entspannt durch. Witzig am heutigen Tag ist, dass wir einen Wanderer immer wieder treffen. Mal überholen wir ihn, dann wieder er uns. Nicht so witzig allerdings als er uns frägt, warum wir nicht auf den schönen Wanderwegen reiten, sondern den Fahrradweg nehmen….

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Nach einiger Zeit, kommt wieder eine Strecke an der wir aufsteigen müssen und jetzt versuche ich eine neue Taktik. Zuerst spreche ich mich aber mit zwei anderen Reiterinnen ab. Mein Plan ist es, Soleo sein eigenes Tempo laufen zu lassen. So kann er die volle Schrittlänge nutzen und wird nicht gebremst. Nachdem die Mädels mir versprochen haben, hinter Georg zu bleiben, kann ich beruhigt mit meinem Test loslegen. Schließlich sind Georg und ich ein Team und das nicht erst seit diesem Ritt. Bei meinem ersten Ritt hat er den unerfahrenen Soleo mit seinem Pferd gesichert und jetzt hatte ich endlich Gelegenheit mich zu revanchieren, da lässt man den anderen nicht einfach allein. Als alles geklärt ist, höre ich von Georg noch ein ironisches „Verräter“ aber er weiß, dass es bei uns um Abbrechen oder Weitermachen geht.

Soleo ist erst einmal verunsichert als er merkt, dass ich ihn nicht mehr bremse und er tatsächlich richtig gehen darf. Sobald er es verstanden hat, zieht er ruhig, aber beständig an den anderen Pferden vorbei. Nachdem ich schon einmal erlebt habe, wie die Stimmung hier kippen kann, wenn nicht vorher alles geklärt ist, frage ich Klara ob das auch für sie in Ordnung ist. Alle sind einverstanden und Soleo geht mit flottem Schritt voran. Ich merke, dass er sich endlich wieder streckt und deutlich entspannter geht. Er pendelt sich hinter oder neben Klaras Stute ein und ich merke, dass er deutlich weniger bis gar nicht mehr tickt. Ich schöpfe ein bisschen Hoffnung…

Nachdem alles gut läuft, traben wir längere Stücke und es klappt hervorragend. Sogar die Kommunikation entwickelt sich ein bisschen und (positiver Nebeneffekt) es kann heute über niemanden gelästert werden. Mein Wechsel hat also gerade nur Vorteile für den Gesamtfrieden, obwohl mir unsere blöden Witze schon fehlen. Im Gegensatz dazu, bin ich total glücklich, weil es meinem Pferd besser geht. Manchmal sind es einfach schon die Kleinigkeiten die soviel ausmachen können. Mein prüfender Blick geht immer wieder nach hinten zu Georg. Ich sehe, dass ihn die Mädels als Hahn im Korb umschwirren und deshalb ist mir klar, dass er sich wohl fühlt und ich mir keine Sorgen machen muss 😉

Als wir den Picknickplatz für heute erreichen, sind wir begeistert. Der Blick ist phantastisch, es gibt sogar Anbindebalken und somit wird die Pause auch für uns Reiter bequem werden. Ein kleines Bauernmädchen bringt Maisstauden für die Pferde und alle teilen gerecht. Völlig unerwartet kommt Klara auf mich zu und erzählt mir, dass Sie eine tiermedizinische Fortbildung gemacht hat und sich gerne Soleo anschauen würde. Nachdem ich zugestimmt habe, legt sie los und schafft es tatsächlich mit wenigen Griffen die Blockade zu lösen. Den Erfolg dieser Behandlung sieht man sofort an seinem Gangbild. Ich bin fasziniert und dankbar, vor allem macht mir dieses Erlebnis bewusst, dass jeder Mensch zwei Seiten hat. Man neigt nur manchmal dazu, dass zu vergessen. Ich beschließe es zu riskieren und den Ritt fortzusetzen. Nachdem mein Pferd behandelt wurde, döst er entspannt vor sich dahin und wir können die Pause genießen. Ein gelangweilter Dorfbewohner mit hohem Alkoholgehalt, nervt uns dabei wechselweise. Das macht er genau so lange, bis er den Ansatz macht, die Hand gegen Patricias Traber Paul zu erheben. Ich glaube es gibt wenig Menschen die so lieb sind wie Patricia, aber in diesem Moment platzt ihr der Kragen und ihr „schaug das di schleichst“ zeigt sofortige Wirkung. 😉

Von der Organisation werde ich nun darüber informiert, dass wir jetzt erstmal warten und dann würden sie den Hänger zur nächsten Station fahren, ausladen und Soleo und mich anschließend holen. Ich bin heilfroh, dass es meinem Pferd wieder besser geht und ich nicht testen muss wie sehr sich ein Pferd aufregen kann, dass allein zurückgelassen wird. So steigen wir auf und es geht weiter. Wir erreichen die ersten Apfelplantagen die nicht eingezäunt sind und durch die wir reiten können. Vermutlich reite ich mit offenem Mund durch.

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Einfach nur schön…

Ich finde das alles einfach so wunderschön und so beeindruckend. Soleo denkt wahrscheinlich, dass ich verrückt bin: Wir laufen durch das Schlaraffenland und er darf nichts essen. Es bedarf all meiner Überredungskünste ihm klarzumachen, dass wir die Äpfel nur anschauen und ganz nebenbei versuche ich zu verhindern, dass die Abstände zwischen vorderen und hinteren Reitern immer größer werden. Diese Aktion nervt meine Mitreiter, aber ich gebe nicht auf. Bei den Wanderritten mit Georg reite ich auch zumeist an der Spitze und bin es gewohnt ein Auge auf alle zu haben und auf alle zu achten. Ich warte bei Straßenüberquerungen und bitte immer wieder, dass wir warten bis der Rest aufschließt. Teilweise schaffe ich es, manchmal versagt es total, ich gebe jedoch nie auf. Abgesehen von Karlheinz, der mich meidet wie der Teufel das Weihwasser, komme ich mit den Reitern gut aus, auch wenn es wesentlich ruhiger ist, als bei uns in den letzen Tagen.

Wir reiten auch weiterhin durch endlose Apfelplantagen und unsere Strecke ist heute fast 39 km lang. Trotzdem bin ich happy als ich ankomme. Meinem Pferd geht es viel besser und ich liebe Apfelplantagen. Allein hier durchzureiten macht mich schon total glücklich 🙂  (Im Gegensatz zu allen anderen die total genervt sind von den ständigen Äpfeln um sie herum. Georg beschließt sogar spontan, dass er zu Hause alle Apfelbäume fällen will. Ich hoffe das überlegt er sich nochmal  🙂  )

Die Unterkunft für die Pferde ist – wie kann es anders sein – mitten in einer Apfelplantage. Dort befindet sich ein Reitplatz, der dem Besitzer des Bio-Hotels gehört, in dem wir heute übernachten werden. Total nett finde ich, dass unser Trossfahrer und die Organisatorin die Paddocks bereits aufgebaut haben. Nicht so toll daran, dass sie alles mit einem durchgehendem Band gemacht haben und somit alle miteinander verbunden sind. Um in den Paddock zu kommen, müssen wir deshalb die Bänder aushängen auf den Boden legen, Pferd drüber führen und wieder zu hängen. Darin sehe ich jetzt nicht das Problem, die Pferde bekommen das hin. Wovor ich eigentlich Angst habe ist, dass sich ein Pferd hinlegt und mit den Beinen in den Elektrobändern hängen bleibt. Sollte das passieren und es hektisch aufspringen, wird es die kompletten Paddocks umreißen wie die Steine am Domino-Day. Ich spreche unseren Trossfahrer darauf an und er meint, dass er das auch angemerkt hätte, aber jetzt würde schon alles stehen. Gut, ich will nicht immer den Teufel an die Wand malen und auch nicht undankbar erscheinen. Außerdem tröstet mich der Gedanke, dass hier so viele Äpfel sind, dass mein Pferd im Ernstfall nicht weit laufen, sondern sich durch die Plantage fressen würde.

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Ankunft in der Apfelplantage…

Das Biohotel ist ein Traum. Die Grundeinstellung, die hier gelebt wird, gefällt mir sehr gut. Es gibt nicht unzählige Gerichte, sondern lediglich die Wahl zwischen Vegetarisch und Fleisch. Laut Besitzer minimiert das die Mengen an Lebensmitteln die weggeschmissen werden müssen enorm. Je mehr Gerichte auf der Karte stehen, desto mehr muss vorrätig sein und desto mehr wird logischerweise auch weggeschmissen. Das gefällt mir, denn ich hasse nichts mehr als die Verschwendung von Lebensmitteln.

Nach dem Essen haben wir einen Vortrag in seinem Weinkeller und obwohl ich zuerst denke, dass ich zu müde bin und Keller nicht leiden kann, bin ich begeistert. Es ist echt spannend. Es geht nicht nur um Äpfel oder Wein, sondern um alle Themen, die persönliche Einstellung zum Leben und hier vor allem zum bewusstem Leben. Ganz nebenbei wird auch viel gelacht und wir haben jemanden mitgebracht. Unser Freund und Tagesbegleiter der Wanderer ist bei uns. Schließlich haben wir diesen Tag miteinander verbracht, das schweißt zusammen.

Sehr witzig auch die Antwort auf eine Frage von einer Reiterin. Sie hat immer Bedenken wenn sie irgendwo reitet und an einem Landwirt vorbei muss, der gerade sein Feld spritzt. Jetzt will sie wissen, wie schädlich das für sie und das Pferd ist. Die Antwort vom Chef Erich kommt prompt und ernst: “ Das kommt darauf an wie alt der Bauer ist. Du musst hinreiten und nachschauen. Wenn er alt ist, dann schadet es nix weil der lebt schließlich auch noch.“ Man merkt manchen Teilnehmern an, dass sie nicht wissen ob das jetzt tatsächlich ein Witz war oder ernst gemeint ist. Erich setzt aber noch eins drauf und erzählt den entsetzt dreinblickenden Mädels, dass es immer Zürcher Geschnetzeltes gibt, wenn ein Pferd mal das zeitliche segnet. Schließlich muss man alles verwerten. Wir lachen viel und sind gelöst wie noch nie auf diesem Ritt. Ich bekomme beim Südtiroler Dialekt Heimweh und fungiere zwischenzeitlich als Dolmetscher, wenn der Dialekt zu krass wird. Dieser Abend ist mit Abstand der schönste Abend seit wir unterwegs sind. Das erste Mal in 8 Tagen, sitzen wir zusammen und lachen zusammen. Das diese Brücke ein Südtiroler geschlagen hat und es vorher nicht so war ist traurig aber nicht zu ändern.

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Gastgeber Erich und unser Wanderer

Unser Zimmer ist schön, riecht unheimlich gut nach Holz und wir haben so viele Bette, dass fast alle bei uns schlafen könnten. Die Mädels melden sich bei uns an, weil es bei uns bestimmt sehr lustig ist und wir noch feiern könnten, aber Georg streikt. Das sind dann definitiv zu viele Hühner im Stall. 😉

Später lassen wir, wie jeden Abend, den Tag noch einmal Revue passieren und können es nicht fassen: Morgen ist tatsächlich der letzte Tag. Irgendwie ist es jetzt doch schnell vorbeigegangen. Wir freuen uns beide darauf und ich schlafe schnell ein. In der Nacht weckt mich das obligatorische blaue Facebook-Licht. Georg ist wieder aktiv 😉 Mich stört das nicht und irgendwie ist es vielleicht sogar ausgleichende Gerechtigkeit. Georg muss seinerseits damit klar kommen, dass ich mitten in der Nacht hochschrecke, ihn frage welches Pad ich jetzt beim Satteln hernehmen soll und schon wieder schlafe während er mir antwortet. Ein gutes Team mit allen Ecken und Kanten…

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Unser Zimmer im Bio-Hotel

DIE ALPENÜBERQUERUNG – DER 7.TE REITTAG – Teil II

…und weil Karlheinz nun mal ist wie er ist, achtet er nur auf sich selbst, denn schließlich hat er Urlaub. Als wir immer noch alle total begeistert zusammenstehen, kommen die Polizisten erneut auf uns zu und sagen uns, dass wir hier nicht bleiben können…

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Wir müssen nochmal raus auf die Straße und erst eine andere Abfahrt runter. Dazu muss die Straße nochmal gesperrt werden und (wen wundert es) es muss wieder einmal schnell gehen. Alles kein Problem, ich bin bereit. Dieses Mal reite ich Soleo ganz dicht an das Ende der Gruppe, denn es hat Spaß gemacht durch den Tunnel zu rasen und so machen wir das jetzt auch. Mein Dauergrinsen ist immer noch da. Georg ist vor mir, wir machen unsere Scherze und dann drehe ich mich um…

Zuerst kann ich es nicht einordnen. Warum steht Patricia noch so weit hinten. Als ich genau hinsehe, kann ich den Grund erkennen: Karlheinz! Der ist nämlich noch einmal abgestiegen und ich kann euch beim besten Willen nicht sagen warum! Wahrscheinlich habe ich es mittlerweile einfach verdrängt oder es erschien mir zu diesem Zeitpunkt schon so absurd, dass ich es sofort wieder vergessen habe. Vermutlich musste er irgendetwas festbinden, Tempos suchen, sich die Haare kämmen, in der Nase bohren oder etwas ähnlich wichtiges machen. Ganz egal was er gerade macht, Fakt ist: Er steht neben seinem Pferd und das trotz der drängenden Patricia und unserer mittlerweile extrem genervten Rittführerin.

Diese sieht mich zögern, schaut aber gar nicht nach weiter hinten und schreit mich an: „Vorwääääääärts, wir müssen uns beeilen! Die Polizei will das wir uns beeilen!“ Ich schreie zurück, dass sie warten muss, weil Karlheinz nichts so weit ist, sie wiederholt nur, dass wir uns beeilen müssen und das Ende vom Lied? Typisches Sender – Empfänger Problem, sie hat anscheinend die beiden hinten nicht realisiert und bringt ihr Pferd in Bewegung. Dieses Mal auch nicht im langsamen Trab, sondern mit richtig Tempo. Ich brauche nicht zu überlegen was ich tun soll, ich kann nicht abhauen, denn wie wir alle wissen (oder es zumindest tun sollten): Pferde – Herde – Trieb – Panik.

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Die Gruppe ist direkt hinter der Rittführung und ich stehe mit meinem, jetzt doch panisch werdendem, Pferd in der Mitte. In diesem Moment dreht sich Georg um und sieht was hier abläuft. Er versucht Apollo zu bremsen, der aber logischerweise hinter der Herde her will und nicht begeistert von dieser Idee ist. Karlheinz, komplett entspannt und ruhig steigt auf sein Pferd und wirkt eher genervt von unserer Ungeduld. Dann galoppiert er wortlos und ohne irgendeine Ansage an. Bei dem Wechsel zwischen altem und neuen Asphalt rutscht sein Pferd weg. Ihn interessiert weder das, noch das unsere Pferde jetzt natürlich auch mit dem Kumpel fliehen und den anderen folgen wollen. Paul schießt hinterher, wir stehen noch auf demselben Fleck, denn Soleo zieht sich gerade so hoch, dass er auf der Stelle piaffiert und testet ob man die Straße auch auf 2 Beinen, hüpfend wie ein Karnickel, überwinden könnte, um sich dann für abgehacktes, seitliches galoppieren zu entscheiden.

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Der neue Asphalt ist nicht gerade hilfreich bei meinem Versuch mein Pferd herunterzuspielen und zeitgleich einen klaren Gedanken zu fassen. Eigentlich ist in meinem Kopf gerade das komplette Gedankenchaos:

  • Verdammte Scheiße, ich will das nicht!
  • Tief atmen!
  • Ich würde jetzt gern absteigen! (Da ich gerade das letzte Pferd hinter der Kurve verschwinden sehe, ist das keine gute Idee.)
  • Tief atmen!!!!
  • Ich hasse meine soziale Ader! Warum war es mir eigentlich nicht scheißegal, wie dieser Typ allein zurechtkommt. (Die Antwort kann ich mir aber auch gleich selber geben: Patricia war dabei und selbst wenn er allein gewesen wäre, sowas macht man nicht.)
  • Was ist wenn ich ihn jetzt einfach laufen lasse? (Kurzer Test zeigt, dass wir uns dann mit Sicherheit das Genick brechen, weil er 0,0% aufpasst und nur panisch zu den Kumpels will?)
  • Richtig tief atmen!
  • Warum zur Hölle wollte ich diesen Ritt machen?
  • Ok, jetzt habe ich ihn gleich…
  • Jesus!!!! Da ist Patricia!!!! Und ja, da – ebenfalls quer auf der Straße galoppierend – ist auch Georg. Halleluja…

Ich habe mich selten so gefreut jemanden zu sehen wie in diesem Moment, die beiden mit ihren Pferden. Es war mit Sicherheit nur ein Augenblick bis ich um diese Kurve und sie wieder in meinem Blickfeld waren und doch hat dieser Augenblick für so viele Gedanken gereicht. Mein erster Satz an Patricia ist deshalb auch „Ey, lass mich nicht allein hier hinten!“ Sie schafft es sogar zu grinsen und meint beruhigend „Na, na i bleib scho do!“ Georg und Apollo reiten immer noch quer und vom Rest ist nichts mehr zu sehen.

Ich brauche insgesamt ca. 500 Meter um Soleo einzufangen. Das hört sich nicht weit an, ist aber ein langes Stück Straße und eine endlos lange Strecke, wenn du gerade keine 100%ige Kontrolle über dein Pferd hast. Mein einziges Ziel ist es deshalb, mich selbst ruhig zu halten, damit Soleo sich beruhigen kann. Ich gehe vor, wie bei meinen Angstkursen und gebe mir gedanklich Anweisungen: „Tief in den Bauch atmen, Absätze tief, Hände locker, immer wieder nach vorn überstreifen, Atmen nicht vergessen!“ Und dann kommt der Moment, an dem ich merke, dass es ankommt und mein Pferd zumindest in Teilen wieder bereit ist zuzuhören. Die ganze Zeit über ist Patricia mit Paul an meiner Seite und das ist etwas, dass ich ihr definitiv nie vergessen werde.

Georg hat zwar Abstand zu uns, aber ich weiß, wenn es brennt findet er einen Weg zu helfen oder mich zumindest aufzufangen wenn ich mit meinem Pegasus vorbeifliege.

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Dann ist es soweit und ich spüre, dass ich jetzt angaloppieren kann. Es ist sogar ein langsamer, wenn auch äußerst spanischer Galopp. Vor allem aber ist es ein Galopp, den ich kontrollieren kann. Er ist angespannt, aber alles ist gut. Georg sieht das und konzentriert sich auf sein Pferd. (Kommentar hinterher: „Ich hab doch gesehen, dass du das im Griff hast.“) Jetzt reiten wir über die Schnellstraße und können es auch wieder genießen. Zu dritt so eine Straße für uns und das mit 3 Pferden, die es gerade echt verstehen eine Show abzuliefern, das hat schon was. Der Polizist grinst uns nett an als wir die Straße verlassen und dann steht sie da: unsere Gruppe…

Während wir einreiten und in betretene Gesichter schauen, beschließe ich nicht auf Konfrontation zu gehen. In meinem Kopf läuft ein Mantra ab „Ich rege mich nicht auf, ich rege mich nicht auf, ich rege mich nicht auf…“ Als Persönlichkeitstrainer sollte ich wissen, dass mein Unterbewusstsein das Wort „nicht“ ignorieren wird, als Mensch bin ich gerade so gereizt, dass ich nicht klar denken kann und dann reicht ein Blick der Rittführung, um aus der Haut zu fahren und ich muss mal ganz deutlich nachfragen, ob die Körperöffnung, an die die Sonne nie scheint, eventuell geöffnet sein könnte. Das ist jetzt die leserfreundliche Umschreibung meiner eigentlichen Aussage.

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Ich bin ein bisschen von mir selbst überrascht, denn eigentlich würde ich so etwas allerhöchstens sagen, wenn ich jemanden davon erzähle – aber so direkt? Ja, ich glaube hier kommen gerade alle meine Facetten zum Vorschein, auch die, die im Rahmen meiner guten Erziehung eliminiert wurden. Der Satz „Wir mussten uns beeilen.“ schmeißt meine Beherrschung dann ganz über den Haufen. Ich versuche bewusst zu machen, dass Karlheinz nicht am Pferd war und es ihre Aufgabe gewesen wäre, auf ihn zu warten. Karlheinz wiederum schaut gelangweilt in der Gegend rum und ist sich keiner Schuld bewusst.

Sehr amüsant auch der Erklärungsversuch, dass die Polizei einfach die Sperre aufgehoben hätte und dann keiner mehr Rücksicht genommen hätte. Sorry, die Polizisten sind keine Idioten! Was sind das für Räubergeschichten!. Mein „So ein Bullshit!“ wird von Georg abgebrochen. Der hat wohl erkannt, dass ich gleich ausflippe und bringt alle dazu weiterzureiten, weil wir noch sooooo eine lange Strecke vor uns haben. Man merkt, dass mich mein Freund Georg schon sehr lange kennt. „Reg dich erstmal ab, das ist es doch nicht wert!“ Damit hat er wohl recht und so mache ich weiter was ich auf der Straße begonnen habe. Tief atmen….

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Leider hätte ich ein bisschen Zeit gebraucht, um mich wieder abzuregen, aber wir gehen nur einen kurzen Weg und dann wartet die Organisatorin am Wegesrand, um den ausgefallenen Kaffee von der Mittagspause nachzuholen. An und für sich eine tolle Sache, wenn – ja wenn, da nicht Karlheinz wäre. Der Karlheinz der noch kein einziges mal auf diesem Ritt kapiert hat, wenn er andere in Gefahr gebracht hat, genau dieser Karlheinz kommt, während ich noch auf meinem Pferd sitze, auf mich zu und fängt an zu argumentieren.

Er verstünde gar nicht warum ich mich so aufrege. Ich nehme mich zusammen und versuche ihm ruhig zu erklären, wie ein Pferd funktioniert. Was es mit dem Herdentrieb auf sich hat, das wir – also Patricia, Georg, er und ich, für uns eine Herde waren und wir gefahrlos hätten hinterher reiten können, bis zu dem Zeitpunkt an dem er abgezischt ist. Sein Argument, dass er bei uns nicht reiten kann, weil unsere Pferde zu gefährlich sind, schmeißt erste Funken auf die Lunte, die direkt zu meinem äußerst scharf geladenen innerem Pulverfass führt.

Georg sieht mich an und merkt, dass es jetzt gleich vorbei ist mit Diplomatie und Psychologie und versucht mich mit einem Handwinken zu beruhigen. Ich bin bemüht! Meinen Mühen entgegen steht aber ein Mensch, der nicht weiß, wann es Zeit ist ruhig zu sein oder zu gehen. „Also schließlich hast du ja unterschrieben, dass du in jeder Gangart reiten kannst, dann musst du dich jetzt nicht so aufregen. Ich kann auch nichts dafür das du nicht reiten kannst!“ 2 Sekunden absolute Stille, dann sage ich sehr leise und aufs äußerste beherrscht „Ich habe nicht unterschrieben, dass ich einem Idioten auf der Teerstraße hinterher schießen muss und jetzt tu dir selbst einen Gefallen und geh einfach!!!!“

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Karlheinz ist jetzt in Fahrt und beginnt einen Vortrag über unsere gefährlichen Pferde zu halten und weil er jetzt nicht geht, riskiert er tatsächlich der erste Mensch zu werden, dem ich eine deftig, bayerische Watschn geben muss. Ich versuche es nochmal mit Atmen. Beim nächsten „…ja aber…“ ist es jedoch mit jeglicher Selbstbeherrschung vorbei. Ich springe von Soleo, wie die Trickreiter in Pullmann City, und schreie im Flug „So und jetzt krachts…“ Ich habe keine Ahnung woher Georg so schnell kommt und warum er mich sofort am Ärmel hat, während ich in Richtung Karlheinz will und weiterbrülle „Der fangt etzt oane, vielleicht schoit a dann`s Hirn wieda ei!!!“ (Für Nichtbayern: Ich hege die Hoffnung, dass ein Schlag auf seinen Kopf, seine Fähigkeit für logisches Denken reaktivieren könnte!)

Ich glaube, dass mich nicht viele Leute in dieser Situation bremsen können, denn genau in diesem Moment will ich ihm einfach eine reinhauen. Nicht weil ich gewalttätig bin, sondern einfach in der Hoffnung, dass er aufwacht und erkennt, was er gerade für einen Scheiß labert. Georg hält mich immer noch mit einer Kraft am Ärmel fest, die mich zwingt ihn anzuschauen. Er grinst mich breit an und meint „Das bringt doch nichts!“ Ich bin anderer Meinung, aber sein Grinsen lässt mich schlagartig erkennen, wie grotesk und unfreiwillig komisch die ganze Situation gerade ist und so muss ich tatsächlich über mich selbst lachen. „Hast du das gemerkt? Ich wollte ihm echt weh tun?“ Jetzt lachen wir beide und gehen kopfschüttelnd Kaffee holen, während Karlheinz (immer noch vor sich dahin meckernd) den nächsten Leuten auf die Nerven geht.

Unsere Rittführerin kommt zwischenzeitlich auf uns zu und gibt zu, dass sie Karlheinz nicht gesehen hatte. Die Schuld aber jetzt allein auf ihn zu schieben, finde ich nicht richtig. Es wäre in ihrer Verantwortung gelegen, denn das ist der Job des Rittführers. Ihre erneute Aussage, dass die Polizei dann die Sperre aufgehoben hätte und die Autos von allen Richtungen gekommen wären, will ich nicht mehr kommentieren und überlasse daher Georg die Debatten. Heute will ich einfach ankommen und meine Ruhe haben.

Ich habe zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, wie lange es dauern wir, bis sich mein Wunsch erfüllt, aber davon im nächsten Teil mehr…

Die ganze Situation wird mir nach dem Urlaub noch einmal vor Augen geführt werden. Eine unserer Mitreiterinnen wollte das wunderschöne Panorama und den Blick über die Straße in einem Video festhalten. Angelockt durch mein Geschrei, hat sie die Kamera drauf gehalten. Ich sag nur soviel: Ich hatte keine Ahnung, dass ich so aggressiv sein kann und danke, dass es nicht in das Gruppenalbum geladen wurde. ❤